Albumkritik: Edelstuff: „Trauerspiel“

Es mag kein Wunder sein, dass noch nie jemand etwas von Edelstuff gehört hat, ist dies doch ein Hiphop-Underground-Projekt zweier junger Männer aus dem Südosten Münchens, selbstverständlich ohne Plattenvertrag. Ihr erklärtes Ziel ist reiner Hiphop, ohne „Spasten“, ohne Rumgeprotze und ohne die Klischees, die von den Medien auf das Volk losgelassen wird.

„Edelstuff“ besteht aus den Brüdern Straight-Jonez und MicAZz, die ihre gesamte Produktion mit eigenen Mitteln durchgeführt haben, und ohne fremde Hilfe nun ihr erstes Album ins Internet stellen. Ihr habt richtig gelesen, das Album ist kostenlos per Rapidshare downloadbar (Download), mit dem Hinweis, es bitte zu verbreiten und zu vervielfältigen wie erwünscht. Es enthält satte 18 Songs, sieht doch schonmal ansehnlich aus.

Jeder Song hat eine Maximalwertung von 10 Punkten, wodurch sich am Ende ein Durchschnitt ergibt, der zwischen 1 und 10 liegt.

Der erste Song nennt sich „Hoffnung„, eine Art Titeltrack mit einem recht eingängigem Refrain und einer untermalend säuselnden Stimme im Hintergrund, zu der die beiden Akteure ihre Strophen ablassen. Straight-Jonez hebt sich hier ein wenig hervor, kein Nachteil. Leider klingt dieser Song bisweilen wie ein x-beliebiger Hiphop-Track, einen Anspieltipp nenne ich ihn darum nicht. Bemüht aber eintönig. Und das vokale Gedudel im Hintergrund nervt. Soviel zur Hoffnung. (4/10)

Es folgt „Licht„, und damit eins der ersten Glanzpunkte des Albums. Das Babyface aus „Hoffnung“ feiert ein Comeback, und wie. Der Refrain wird damit gleich der erste Punkt, der sofort im Gedächtnis bleibt. Das ist im Hiphop meistens das einzige, weswegen man einen Song hört – oder wer hat von Rap alleine einen Ohrwurm? Ach bitte, ich jedenfalls nicht. Aber hier passt der Rest zum Refrain, der Text ist intelligent, aussagekräftig und hat einfach was. DAS ist ein Anspieltipp. Und ich könnte ihn längere Zeit auf Repeat hören, was bei Hiphop ein absolutes Ausnahmewunder bei mir darstellt. (8/10)

Ein Stein“ ist der nächste Song, der neben einem eintönigem Beat und einem eintönigen Text einen seltsamen Refrain bietet. Hört ihn euch selbst an, mir gefällt er nicht. Vielleicht ist er mir zu sehr die thematische Wiederholung des ersten Songs. (2/10)

Nun kommt „I wanna„, ein aggressiv-fanatischer Lovesong, der leider von einem amateurisch-doofen, mit deutschem Stammel-Dialekt „gesungenen“ englischen Refrain aufwartet, der alles, was in der ersten Strophe aufgebaut wurde, gleich wieder zunichte macht. Genauso wie der Text. „Ich kann mich gut erinnern, als ich dir begegnet bin, dein nasses Haar glänzte, weil es ganz stark regnete“ – mehr muss ich aus den Versen um den Refrain herum nicht zitieren. In diesem Genre steht und fällt alles mit dem Refrain. (0/10)

Es folgt „Woher„. Das ist der erste Dampfhammer in Richtung aller Obermacker und Proletentum, der mit wuchtigem Text und den Fragen der beiden Brüder jeden echten Hopper im Nu auf die Knie bringt. Fett, leider mit 2:17 Min. recht kurz. (7/10)

SchwarzWeiß“ ist politisch angehaucht, mit einer Menge Synthesizing unterlegt, folgt der nächste Hieb in Richtung Gesellschaft, Politik im Allgemeinen und besonders Bush. Im Hiphop eine Seltenheit. (6/10)

Bitte weine nicht„, wenn du diesen Song hörst. Die Schmalzigkeit des Titels wird allein von der Gefühlsdusligkeit des restlichen Songs übertroffen. Würg. (1/10)

Es ist „Deine Welt ist pink„, bei welchem ich vom letzten Desaster wieder aufwache. Edelstuff wacht wieder aus dem Schlaf auf und wettert im Team gegen Optimismus und das „die Welt ist schön“-Gesülze diverser Frohnaturen. Zwar ausgelutscht, aber gut umgesetzt. (5/10)

Die Zeit steht still“ ist der erste Song, der von MicAZz solo gerappt wird. Leider muss ich sagen, dass ich seine Stimme irgendwie unsymphatisch finde, die Betonung und die Aussprache der Wörter sagt mir in längeren Alleingängen nicht zu. Das fällt mir allerdings erst jetzt auf, hm. Aber schlecht ist der Song nicht, auch wenn er mir zu unorginell ist. (5/10)

Das „Schicksal“ von Hiphop ist es, sich zu wiederholen. Nennt mich einen Frevler, aber die gesamte Thematik kotzt mich allmählich an. Dies ist scheiße, das ist scheiße. Kommt Jungs, ihr könnt was, nutzt es. (4/10)

Nach der Durststrecke der letzten Songs folgt „Mein Ding„, das in der Tat mein Ding ist. Straight-Jonez schlägt unterstützt von starken Worten und großem, berechtigtem Ego schnell und hart in Richtung Sido, Aggro Berlin, usw. und deren Fans, die respektlos und naiv ihren labilen Weg zu gehen versuchen. „Du zeigst mir deine Narben, sagst die ist von einem Messerstich – du bist auch noch stolz drauf, Junge, du bist lächerlich“. Wie wahr. (10/10)

Alles Gute“ geht zuende, aber die Reihenfolge der guten Songs hört voerst nicht auf. Wie sagt man dazu, Flow? Jedenfalls klingts gut, MicAZz spricht wahre Sätze und hört damit leider zu schnell auf. Genau wie mein Kommentar zu diesem Song. (6/10)

Das „Ghetto in dir„, eine Fortsetzung, bzw. ein Mix aus „Woher“ und „Mein Ding“, welcher von Straight-Jonez einen weiteren Rundumschlag ausführt. Diesmal gehts allerdings gegen sämtliche Hopperspasten, Marke „Ghetto Großstadt“, unfähig die Wirklichkeit zu sehen und sich ihr Ghetto im Drogenrausch und unter Einfluss von Gangsta-Rap zusammenfantasieren, während die „harten“ Kerle, die sie so anbeten, weit entfernt von ihren erzählten Slums Ferraris fahren, in großen Villen wohnen und über die ganzen Idioten lachen, die jedes Wort ihrerseits für bare Münze nehmen. (8/10)

Straight-Jonez‘ Doppelschlag, der mit „Wenn du gehst“ weitergeht und praktisch der Konter für verschwindende Liebe, die in „Bitte weine nicht“ entstand. Das heißt nicht, dass mir dieser Song gefällt. (3/10)

Mein Herz“ springt gleich im Dreieck. Noch ein „Meine Exfreundin“-Song. Der einzige Unterschied ist, dass dieser schneller im Ohr landet. Nur, weil ihr Brüder seid, müsst ihr nicht alles gemeinsam einzelnd aufgreifen. Oder hat Hiphop nicht mehr zu bieten? Har har. (3/10)

Sorry, es sind keine 3 Songs mit sich überschneidender Thematik. Es sind 4. „Cuz of you (zurück ins Licht)“ folgt den Wunden, die „Bitte weine nicht“, „wenn du gehst“ und „Mein Herz“ in mein Trommelfell geschnitten hat. Ich kanns nicht mehr hören. Das Babyface hievt diesen Song von MicAZz übrigens im Alleingang auf den 3. Punkt. (3/10)

Wieder eine 3: MicAZz‘ dritter Treffer „Alles für mich“ schlägt tief in die Gehörgänge der Belanglosigkeit, und das leider zum dritten Mal hintereinander. Egal, welche Mühe in den Beat und den Text gesteckt wurde, aber jetzt reichts echt. Ist nichts Persönliches, ihr beide seid nicht schlecht. (2/10)

Die Abschlussnummer, „Everytime“ von Straight-Jonez ist die 5. Nummer hintereinander, die sich mit dem Feld Liebe-(Ex)freundin-Schlussmachen beschäftigt. Der Song wird vom Babyface begleitet, das auch hier wieder den letzten Punkt rettet. Aber muss das denn sein? Kein gutes Ende für ein Album, muss ich ehrlich sagen. Auch mit meinem persönlichen Höhepunkt des Liedes, der letzten (im Übrigen komplett raplosen) Minute: So will ich nicht in die musikalische Leere der Realität geschickt werden. (4/10)

Fazit:
Man hört an allen Ecken, dass es ein Demo ist. Dafür ist es aber in seiner Gesamtheit betrachtet ziemlich akzeptabel – ja, sogar mehr als das: Es bewegt sich fern jeden Kommerzes und zeigt, dass Hiphop auch gut klingen kann, wenn man sich nicht zwischen den von Medien und Mainstream gesetzten Grenzen bewegt. Und: Man merkt an allen Ecken in dieser Kritik, dass ich keinen Hiphop mag und Standard-Hiphop schon gleich gar nicht (aber das hier ist keiner!). Dafür laufen aber einige Songs des öfteren in meinen Boxen – ja, sogar mehr als das: „Licht“, „Mein Ding“ und „Ghetto in dir“ werden eventuell sogar einen Platz auf meinem MP3-Player kriegen; ich höre, was mir gefällt. Das ist zwar zu 95% abgrundtief schwarz, allerdings bin ich in fast alle Richtungen offen. Dies ist so ein Fall: Wahr, weise & wahnsinnig für ein Debut.

1. Hoffnung 2:42 (4/10)
2. Licht 4:31 (8/10)
3. Ein Stein 3:02 (2/10)
4. I wanna 2:36 (0/10)
5. Woher 2:27 (7/10)
6. SchwarzWeiß 2:09 (6/10)
7. Bitte weine nicht 3:05 (1/10)
8. Deine Welt ist pink 3:02 (5/10)
9. Die Zeit steht still 3:17 (5/10)
10. Schicksal 2:58 (4/10)
11. Mein Ding 2:59 (10/10)
12. Alles Gute 2:31 (6/10)
13. Ghetto in dir 3:12 (8/10)
14. Wenn du gehst 2:43 (3/10)
15. Mein Herz 3:29 (3/10)
16. Cuz of you (zurück ins Licht) 3:56 (3/10)
17. Alles für mich 3:23 (2/10)
18. Everytime 4:11 (4/10)
Insgesamt: (4,5/10)
(Wer einen größeren Zugang zu Hiphop hat – und besonders zu proletenfreiem, kann gerne mindestens 2-3 Punkte auf die Wertung aufschlagen.)

Nachtrag:
Ich zitiere einfach mal aus der Infodatei, die dem Paket beiliegt:

Vielen Dank für den Download!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Vebreitet, vervielfältigt soviel ihr wollt 🙂
um Neuigkeiten zu erfahren checkt http://www.edelstuff.de.vu
Danke für den Support
Danke an alle Beatproduzenten

Peace Edelstuff
MicAZz und Jonez

Ihr habt sie gehört: Verbreiten, hopp.

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~ von NeZ - 27. Februar 2008.

Eine Antwort to “Albumkritik: Edelstuff: „Trauerspiel“”

  1. Ich finde das Album klasse, bin ein Fan geworden! Tolle Texte!

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