BILD-Erotik

Wie man ja letztens in diversen Zeitungen (z.B. in der Mitteldeutschen Zeitung oder den BusinessNews) lesen konnte, ließ die Fürther Landrätin Gabriele Pauli erotische Fotos unter dem Titel „Sankt Pauli“ in der Zeitschrift „Park Avenue“ veröffentlichen, und brachte dazu nur folgenden Kommentar, wie sie zumeist zitiert wird:

„Mit diesen Bildern zeige ich, dass Politiker nicht mausgrau sein müssen. Auch als Politiker darf man Gefühle zeigen. Zu viele von uns entsprechen einem Einheitstyp ohne Aussage. Ich habe die Fotos aber nicht deswegen machen lassen, sondern weil es mir Spaß gemacht hat.“
(Quelle: SZ-Online)

Leider, leider äußerten sich ob dieser eher einem Hamsterfurz gleichender Story nicht alle Zeitungen distanziert, aber eine einzige andere jedoch, als ob sie mitten im Geschehen gewesen wäre. Die Rede ist natürlich von der Bild-Zeitung, welche auch sofort „So haben wir eine deutsche Politikerin noch nie gesehen“ titelte.

Nur, weil es sich hier um eine Politikerin handelt, folgt sofort ein Weckruf an die Nation: „Jetzt fragen sich Millionen Deutsche: Darf sich eine Amtsträgerin so zeigen?“. Eigentlich frägt sich das nur die Bild-Zeitung, wo es doch einen solchen Fall eh schonmal gab, wie ebenfalls (mit genauer Recherche) nachzulesen wäre:

„Die frühere Bundesfamilienministerin Renate Schmidt (SPD) (…) brachte Verständnis für Pauli auf und berichtete von eigenen Erfahrungen. Im Juni 1992 lud sie der Coburger Oberbürgermeister ein zur Rocky Horror Picture Show – mit der Bitte um entsprechendes Outift. Schmidt kam der Bitte nach: in Shorts, großen Hut und dunklen halterlosen Strümpfen – den Steinen des Anstoßes. „Das Thema beschäftigte tagelang die Boulevard-Zeitungen, die Frauen-Union fragte sich, ob eine Vize-Präsidentin des deutschen Bundestages so etwas darf. Meine eigene Partei war zutiefst verunsichert, fürchtete das Ende meiner politischen Karriere“, erinnert sich Schmidt.“
(Quelle: SZ-Online)

Welche Zeitung könnte wohl mit „Boulevard-Zeitungen“ unter anderem auch gemeint sein? Aber gut, dazu kann ich wegen der internen Umstrukturierungen von bild.de (bei dem sich auch alle Links änderten) vor gut einem halben Jahr leider nichts sagen, ein solcher Artikel ist nicht mehr zu finden.

Jedenfalls macht Bild hier mal wieder aus einer Mücke einen Elefanten, und lässt selbst Käufer ihrer Zeitung mit dem Versprechen, „erotische“ Fotos zu liefern, hängen:

„Auf das hübsche Gesicht eine schwarze Maske geschminkt. Ein knapper Rock, unter dem viel nacktes Bein blitzt. So ungewöhnlich aufreizend ließ sich Pauli für die April-Ausgabe des Personality-Magazins „Park Avenue“ (ab heute am Kiosk) fotografieren.“
(Quelle: Bild.de)

„hübsches Gesicht“, „nacktes Bein blitzt“, „ungewöhnlich aufreizend“ – Bild überschlägt sich mal wieder.
Aber die eigentliche Wahrheit ist dafür umso konservativer und stupider:

„Was man da rein interpretiert, das bleibt der Phantasie jedes Einzelnen überlassen. Wer darin etwas Domina-haftes sieht, der zeigt, welchen Erfahrungshintergrund er hat. Ich zeige nirgendwo zu viel und habe auf allen Bildern Kleidung an. Die Bilder sind sehr ästhetisch geworden und zeigen die romantische Seite von mir.“
(Hervorhebung: NeZBlog, Quelle: SZ-Online)

Naja, dann ist es kein Wunder, dass die Bild-Zeitung mal (wieder) auf so etwas schließt. Ich bitte dementsprechend um eine Erweiterung der hausinternen, journalistischen Leitlinien des Axel-Springer-Verlags, und zwar um die folgende „Regel“:
„Man ist nur dafür verantwortlich, was man sagt, nicht dafür, was die Bild-Zeitung daraus schließt oder darunter versteht.“

Hm, aber vielleicht will sie einfach ihre überhitzte Leserschaft nach dem Girl von Seite 1 weiterhin „bei der Stange“ halten – warum sie dann gerade solch hocherotische Bilder abdruckt, ist und bleibt mir ein Rätsel.

P.S.: Ich empfehle übrigens diesen Artikel von N24, dort stehen die genaueren Hintergründe des ja soo wichtigen Falles, der schließlich ganz Deutschland interessiert.

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~ von NeZ - 28. März 2007.

3 Antworten to “BILD-Erotik”

  1. Naja. Klar kann jeder wie er will und so wild ist das ja nicht. Aber man kanns auch so sehen: Politiker sind die Leitwölfe von Amtswegen. Von Leitwölfen wird -zu Recht- Schläue erwartet. Und schlau ist das nicht. Darum liegt die Blamage bei sowas nie in den Bildern als solches, sondern in der Naivität zu glauben, dass könne man mal so machen. Und so eine Naivität disqualifiziert einfach – zumindest für Höheres.

  2. Frau Pauli will jetzt rechliche Schritte gegen die Veröffentlichung ihres Artikels einschlagen. Demnach hat ihr der Text zur Autorisierung nicht vorgelegen… Die Redaktionsleitung der Zeitschrift „Park Avenue“ hingegen sagt, das sämtliche Zitate freigegeben worden wären. Bin gespannt, was da noch alles so kommt…

  3. @texxxt: Naja, sie wollte einmal etwas für sie als Politikerin doch eher „besonderes“ tun, und tat es auch – nun muss sie mit den Konsequenzen leben.
    Scheinbar hat sie zwischenzeitlich alles zurückgezogen, das käme ja alles ganz anders rüber, blablabla. Seufz, als Politikerin, die ja in der Tat „Höheres“ vorhat, sollte sie sich schon im klaren sein, was sie so tut – und was nicht. 😕

    @dubainews: Wie oben bereits ähnlich geschrieben: Sie ließ sich fotografieren, und muss nun damit leben, fotografiert worden zu sein. Da „Park Avenue“ scheinbar ihre Fotos etwas anders darstellte, als sie es tatsächlich (?) wollte, bleibt ihr wohl nur der Rechtsstreit.
    Aber hätte sie sich vorher ihre Tat genauer überlegt, gäbe es nun kein solches Chaos um eine an sich eher irrelevante Story…

    Als Politikerin sollte sie doch eigentlich echt klüger sein, hm.

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