Geschichten aus dem BILDerbuch

Hm, beim Stöbern in den Google-News ist mir ein lustiger Artikel aufgefallen, über dessen Story ich früher schonmal hier geschrieben hatte.

Über Umwege gelangte ich auf diesen Artikel vom 27.02.2007 aus der Bild-Zeitung, genauer gesagt bild.de. Nach dem Lesen und dem anschließenden Vergleich mit anderen Quellen konnte ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Dann kam mir die Idee zu diesem Beitrag hier: Einmal persönlich einen Bild-Artikel auseinandernehmen, wer will das nicht? Also, lasst die Spiele beginnen:

Lession 1: How to bash a German newspaper

Artikel: http://www.bild.t-online.de/BTO/news/2007/02/27/wien-bank/ueberfall-geiselnahme.html

Um tief in die Materie einzusteigen, gleich der erste Fehler, den bild.de hier machte. Bzw. der erste falsche Satz:

„Augenzeugen berichteten von Schüssen!“

Das ist Quatsch. Wie im Bankräuber-Interview im ZEITBlog zu lesen ist, hatte der Geiselnehmer vor, die Tür des Klos aufzuschießen, welches er auch ankündigte mit den Worten

„Na des is net normal. Jetzt schiaß i da eini amol.“

Das tat er dann natürlich auch. Somit fiel genau ein Schuss, welcher nur… die Tür des Klos traf. Aber weiter im Text, zur Klarstellung einer wichtigen Komponente des Artikels.

„Auch die Freundin des Mannes wurde zur Bank gebracht.“

Eine missverständliche Formulierung, da wie im Tagesspiegel und auf OE24.at die Freundin die Bank oder die Nähe der Tür der Bank nie betreten hat, sondern nur am Telefon, in einem Einsatzwagen, mit ihm redete.

Dann ist im bild.de-Artikel ein Satz zu finden, der mich nach dem Ansehen der Livebilder auf OE24.at doch recht stark verwundert hat:

„Der bewaffnete Mann erschien mit einer weiblichen Geisel, legte langsam die Pistole auf den Boden. Sofort stürmen Polizisten der Cobra-Einheit herbei, werfen den Täter zu Boden, bringen die Frau in Sicherheit.“

Wieder totaler Unsinn. Wie man sieht, tritt der Bankräuber zwar mit Geisel, aber unbewaffnet und mit erhobenen Händen aus der Bank. Somit hat er auch keine „Pistole“, die er „auf den Boden“ legen kann. Zusatzinfo: Diese Frau ist die letzte Geisel, die noch in der Bank war – und wird nicht gerade sanft „in Sicherheit gebracht“.
Dann mein persönlicher Liebling, bzw. Nummer vier:

„Noch ist unklar, wer der Geiselnehmer ist.“

Dies erweist sich als ebenfalls falsch, da der Bankräuber anhand eines Zitats schon weitaus früher enttarnt worden konnte, wie auf OE24 zu lesen ist:

„13.15 Uhr: Der Täter wird hungrig. Die Polizei glaubt inzwischen seine Identität zu kennen. Der Täter – ein 1967 geborener Österreicher – soll den Verhandlern gesagt haben, er müsse sowieso ins Gefängnis und hätte nichts mehr zu verlieren. Draufhin suchte die Polizei in ihren Karteien nach einem geflohenen Häftling.“

Schnell erkannt, schnell widerlegt. Aber halt, wie kann der Geiselnehmer eigentlich „unklar“ sein, wenn die Polizei (Wie im SELBEN Bild.de-Artikel bereits weiter oben steht) während der Verhandlungen „auch die Freundin des Mannes zur Bank“ bringen kann? Also irgendwo fehlt hier die Logik… oder bin ich jetzt komplett doof? 🙄

Hm, wo wir grad dabei sind, kommen wir mal zu seltsamer Formulierung Nummer zwei bzw. Fehler Nummer fünf. Unter dem Bild links steht mysteriös:

„Ein Unbekannter, möglicherweise eine Geisel, holte eine Box mit Getränken in die Bank“

Tja, das ist an sich gar nicht mal verkehrt, aber warum „möglicherweise“? Außer den sechs Geiseln und dem Bankräuber selbst war während der kompletten Geiselnahme und dem eigentlichen Überfall niemand in der Bank, also MUSS es eine Geisel gewesen sein. Oder würde der Bankräuber die Box echt selbst abholen? Dann wäre er jedenfalls noch dümmer als Bild.

Als Letztes wieder etwas kleineres, bzw. seltsame Formulierung Nummer drei und Fehler Nummer Sechs.

„Möglicherweise handelte es sich um einen Kunden, der in einer Kurzschlussreaktion die Bank berauben wollte, nach dem raschen Eintreffen der Polizei nicht mehr fliehen konnte, dadurch zum Geiselnehmer wurde.“

Dies steht in keiner anderen Zeitung sonst, sollte das echt eine Exklusivmeldung sein?
Aber wie z.B. im Tagesspiegel zu lesen ist, war der Täter wegen verschiedener Gewalt- und Einbruchsdelikte vorbestraft. Der Täter könnte sich in die Enge getrieben gefühlt haben, weil die Polizei zur Stelle war, ehe er flüchten konnte, hieß es. Genausogut könnte sie im Vornherein geplant gewesen sein, wer weiß. Bild ist jedoch komplett auf dem Holzweg und stellt hier mal wieder nur eine wilde These auf, denn der Bankräuber war meiner Meinung nach ganz sicher – auch nicht „möglicherweise“ – ein Kunde. Denn wieso sollte ein Kunde auch mit einer Handfeuerwaffe eine Bank stürmen und sich dann in der Bank verstecken, weil die Polizei zu schnell am Tatort war und er nicht verhaftet werden will?

Bleibt mal wieder zu sagen: Bild.de schreibt, genauso wie ihr schriftliches Pendant, mal wieder an der Realität – und damit der genauen Wahrheit – vorbei.

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~ von NeZ - 20. März 2007.

2 Antworten to “Geschichten aus dem BILDerbuch”

  1. jetzt müßte nur noch geklärt werden, wie der bankräuber einen schuss aus seiner spielzeugpistole abfeuern konnte.
    viel spass noch im glashaus….

  2. Woher bist du dir so sicher, dass es eine „Spielzeugpistole“ war?
    Hab das nirgends finden können. Was mir aber grad auffällt, ist, dass neben BILD auch andere Zeitung vom „Niederlegen“ einer Waffe berichten, diese konnte ich jedoch nirgends auf dem gedrehten Video entdecken…

    Hm, der Bankräuber hätte damit (mit dem Besitz einer „Spielzeugpistole“ statt einer „echten“) ja den Journalisten der „Österreich“-Zeitung angelogen, schließlich hatte er dort ja angedeutet, die Tür zum Klo aufzuschießen.
    Aber das Ganze ist sowieso ziemlich verworren, deswegen bitte ich dich darum, vielleicht noch einen Link zu der Quelle zu posten, oder woher du diese Information hast. 🙂

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